Warum lässt Gott das zu?

Eine der aktuellen Fragen im Zusammenhang mit Gott, die Ungläubige immer wieder stellen und die sie dazu benutzen, sich nicht weiter mit Gott beschäftigen zu müssen, lautet: „Wie kann Gott das zulassen?“ Dahinter steckt natürlich die Frage, was ist das für ein Gott? Wie ist er beschaffen? Was will er? Wie denkt er? Was ist sein Wesen? Und nicht zuletzt: Was hat das mit mir zu tun? Wie profitiere ich davon?

Nun stimmt es, dass man, je mehr Humanismus man in sich aufgesogen hat, umso mehr ins Fragen kommt. Denn dem Humanismus ist der Mensch die Mitte seines Denkens, die Mitte seiner Welt, und das Ziel alles Handelns. Selbst wenn der Humanist gegen die Klimaerwärmung angeht, dann nicht, weil die Unversehrtheit des Universums ihm ein Anliegen ist, sondern weil er selbst keine nassen Füße vom steigenden Meeresspiegel bekommen will und seine Enkelkinder auch nicht.

Und so muss der selbstbezogene Mensch also feststellen, dass Gott irgendwie anders tickt. Er macht nicht das, was man selbst für wünschenswert hält. Man versteht ihn nicht. Und wenn er sowas macht, dann will man ihn auch nicht verstehen.

Natürlich ist diese Haltung albern. Gott nicht zu akzeptieren, nur weil man ihn nicht versteht, ändert an Gott gar nichts. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Jetzt soll es um die Frage gehen: Wie ist Gott? Und warum verstehen wir ihn oft nicht?

Die Ameise

In meinem Garten – und wahrscheinlich nicht nur dort – leben Ameisen. Das Ziel der Bemühungen der Ameise ist die Ameise. Die Ameise ist ein exquisiter Humanist, nur dass sie eben ein Ameisist ist. Mittelpunkt ihres Denkens sind Ameisen. Sie bewertet die Dinge danach, ob sie für die Ameisen gut sind.

Die Ameise erlebt gelegentlich Erdbeben. Kleine und große, also welche mit wenigen Auswirkungen auf die Ameise und welche mit katastrophalen. Und wenn die Ameise in der Lage wäre, sich über die Ursachen der Erdbeben und über diese ganzen Zusammenhänge der Welt Gedanken zu machen – würde sie das mit dem Schienenreinigungswagen für die Straßenbahn verstehen? Oder dass ein Garten manchmal umgegraben werden muss?

Die normale Ameise hat vermutlich noch nie einen Menschen gesehen – so wie wir noch nie Gott gesehen haben. Sie sitzt tief unten im Gras, wenn sie tatsächlich mal ans Tageslicht kommt. Tausende Grashalme versperren ihr die Sicht, die kleinste Erhebung schränkt ihr Sichtfeld noch weiter ein. Ja, manchmal sieht sie vielleicht etwas rotes vorbeihuschen – aber kann sie unterscheiden, ob es ein T-Shirt, ein Bobbycar oder ein VW-Golf ist?

Und wenn die Schwester oder der Bruder der Ameise vom Hausrotschwanz gefressen wird – würde die Ameise es verstehen können, dass das in einem gewissen Zusammenhang ganz nützlich ist? Weil der Hausrotschwanz sich ernähren muss, damit die Katze was zu fressen hat?

Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass wir die Ameisen sind und Gott ist wie ein Mensch – also das hinkt total, denn die Ameise und wir bewegen uns wenigstens in der gleichen Dimension. Gott hingegen hat noch mindestens eine weitere, völlig unerklärliche Dimension zu Verfügung – wir nennen das Teil manchmal Ewigkeit, oder Himmel. Ein grenzenloser, zeitloser, materieloser Raum. Mit Gesetzen, von denen wir viel weniger Ahnung haben als die Ameise von der Straßenbahn.

Die Interessenlage

Die Frage, was das denn für ein Gott ist, der gegen den Krieg nicht einschreitet und das Leiden und das Sterben nicht wunschgemäß verhindert und gegen Guantanamo nichts tut, beantwortet sich durch die Tatsache, dass Gott heilig ist.

Die Menschen verlangen natürlich, dass Gott sich um ihre Interessen kümmern soll. Gott soll den Menschen zu Diensten sein. Gott soll sich an die Bedürfnisse der Menschen anpassen. Gott soll einen Service liefern, für den man zumindest drei Sterne geben kann.

Allerdings ist ein Gott, der den Rang eines Dienstmädchens innehat, kein Gott mehr. Er ist – ein Dienstmädchen. Er steht unter Ihnen. Er hat Anordnungen von Ihnen entgegen zu nehmen und zu befolgen: Weltfrieden, Gesundheit, Wohlstand, Sicherheit, freundliche Menschen.

Nun, die Wahrheit ist anders herum: Gott steht über Ihnen. Und zwar weit. Und somit ist nicht zu erwarten, dass Gott sich Ihnen und Ihren Wünschen anpassen wird.

Es wird im Gegenteil erwartet, dass Sie sich Gott und seinen Wünschen anpassen.

Der Fehler ohnehin

Der Fehler bei diesem Problem liegt allerdings schon in der Frage.

Die Frage „warum lässt Gott das zu“ fragt nach einer prinzipiellen Regel.

Sie fragt nach dem Leid anderer: Syrischer Kinder, afghanischer Frauen, von den Nationalsozialisten umgebrachte Menschen.

Womit wir wieder bei der Ameise sind: Sie können diese prinzipielle Regel nicht wissen, da Ihr Erkenntnishorizont zu gering ist. Die Gedanken Gottes können Sie nicht vernünftig ordnen. Egal wie dick Ihre Bibel ist.

Die Frage, warum Gott bei irgendwelchen dritten Personen dieses oder jenes zulässt, ist von daher blödsinnig.

Denn Gott hat niemals versprochen, dass er Ihnen diese Dinge erklären wird.

Vermutlich würde es auch gar nicht gehen, weil Sie es nicht verstehen könnten.

Umgehung des Fehlers

Sie können den Fehler umgehen, indem Sie Gott wegen Ihrer eigenen Angelegenheiten fragen.

Allerdings müssen Sie aufpassen: Denn eine Reihe von Antworten hat Gott Ihnen bereits gegeben. Es sieht ein bisschen komisch aus, wenn Sie Gott Fragen stellen, die längst an prominenter Stelle in der Bibel beantwortet sind.

Wenn Sie tatsächlich zu Gott gehören, dann müssen alle Dinge, die Ihnen begegnen, zu Ihrem Vorteil sein.

Weil der Teufel, was Ihre Person angeht, ja besiegt ist. Es kann also nichts mehr zu Ihrem Nachteil sein.

Wenn Sie Gott also fragen, was ihm eigentlich einfällt, dann müssen Sie immer unter der Prämisse fragen, dass es ja versprochen ist, dass alles zu ihrem Vorteil sein wird.

Ebenso müssen Sie bei Ihrer Frage berücksichtigen, dass Gott undiskutierbar auf Ihrer Seite ist. Sofern Sie ein Jünger oder ein Nachfolger sind. Wenn Sie Ihre Frage ohne diese Voraussetzung stellen, werden Sie die Antwort nicht verstehen. Oder Sie bekommen gar keine, weil die ganze Beziehung zu Gott nicht stimmt.

Warum lässt Gott das zu? Individuell können Sie diese Frage stellen. Und wenn Ihre Beziehung zu Gott soweit in Ordnung ist, können Sie auch darauf hoffen, dass Sie eine brauchbare Antwort bekommen.

Prinzipiell und allgemein können Sie die Frage nicht stellen. Denn Gott ist auf Beziehung aus, nicht auf Welterklärung. Sie sollen nicht der Durchblicker sein, sondern der Geliebte. Sie wurden nicht als der große Checker berufen, sondern als der Vertrauende.

„Glaube“ ist das, was gefragt ist, nicht Erkenntnis.

Und manche Dinge sind auch einfach nicht Ihr Bier.