Römer 5,9-10 Wir retten die Geretteten

Manchmal fragt man sich ja, was Paulus denkt, wenn er denkt.

Wie hier, wo er die durch Jesu Blut freigesprochenen noch zusätzlich vor dem Zorn Gottes retten will.

Dabei dachten wir, wenn die freigesprochen („gerechtfertigt“) sind, dann sind die dann recht umfassend gerettet .

Weil es doch auch keinen Sinn macht, wenn Gott sie zuerst freispricht, und dann fällt Gottes Zorn über sie her und tötet sie.

Ursache 1: keine Gegenwartsbezogenheit

Die Ursache dafür, dass heutige Christen über diesen Text den Kopf schütteln, liegt darin, dass die heutigen Christen eigentlich nur in Kategorien des ewigen Heils denken.

Für Leute wie Paulus war aber das gegenwärtige Verhältnis zu Gott enorm wichtig.

Heutige Christen erzählen zwar auch, sie „lebten in der Gegenwart Gottes“, aber de facto merkt man absolut nichts davon. Sie meinen mit dieser Formulierung nur „Gott sieht mich, und das ist mir bewusst“.

Für Paulus bedeutete die Gegenwart Gottes allerdings, dass er Gottes Stimme hören konnte.

Egal, ob er auf einem Frachtschiff reiste und genaue Anweisungen über den Fortgang der Reise bekam, oder ob er in Mysien und Troas war und mitbekam, dass Gott offenbar wollte, dass er woanders hinging (Apg 16,9). Gelegentlich hatte er bezüglich einer Sache ein „Wort des Herrn“ und nicht etwa seine eigene Einschätzung oder Meinung (1.Thess 4,15; 1.Kor 7,10).

Dass er jetzt und heute Gott alles fragen konnte und eine Antwort erwarten konnte und mitunter auch ohne zu fragen Weisung von Gott erhielt, das war für Paulus genauso wichtig wie die dazugehörende Grundlage, dass er tatsächlich „Gemeinschaft mit Gott“ hatte und nicht nur behauptete, er habe sie, während er von Gott überhaupt nicht spürte, hörte, merkte.

Von daher ist für Paulus (und alle Christen seiner Zeit) ein praktischer Unterschied zwischen dem Freispruch sowie der Befreiung von den Sünden, was ihm die aktuelle Nähe zu Gott einbrachte, und dem Ereignis des letzten Tages der Weltgeschichte, wenn alles sündige, ungöttliche verdampft, weil in der neuen Welt nur noch Gott und das Göttliche lebt. Wenn sich also der Zorn Gottes über alle Sünde dadurch manifestiert, dass von allem Bösen, Sündigen nichts übrig bleibt, weil es keine Lagerkapazitäten für so etwas mehr gibt.

Ursache 2: keine Innewohnung

Die zweite Ursache, warum heutige Christen diese Aussage des Paulus nicht verstehen, ist der Mangel des Wohnens des Christus in ihnen.

Wenn Paulus von seinem neuen Leben sprach, redete er tatsächlich von einer neuen Schöpfung.

Nicht von einem verbesserten Leben. Von einem runderneuerten Menschen. Von einer stattgefundenen Reformation in meiner Persönlichkeit.

Paulus meinte tatsächlich, so, wie es einmal eine alte Schöpfung gab (ist lange her!), so sei er (und mit ihm alle Christen) jetzt Teil der Schöpfung 2.0, also das Neue habe mit dem Alten nichts mehr zu tun.

Nur die Hülle ist noch die gleiche. Die Leute erkennen mich noch. Aber innen drin wohnt ganz wer anders.

Dieses Innewohnen des Christus hat aber wenig mit dem Tod Jesu am Kreuz zu tun, denn der Tod am Kreuz brachte kein neues Leben. Der Tod am Kreuz brachte Tod. (Ist irgendwie selbsterklärend).

Dieses neue Leben hat etwas mit der Auferstehung Jesu zu tun, ist also ein anderer Vorgang. Wie Vers 10 sagt: Durch den Tod Jesu sind wir versöhnt mit Gott, aber durch sein Leben werden wir am Ende der Tage nicht in Feuer und Rauch aufgehen.

Denn Jesus lebt in mir, damit bin ich eine neue Natur, und Jesus kann ja nicht dem Zorn Gottes zum Opfer fallen und das neue Leben, das ich durch Jesus habe, kann ebenfalls nicht der Vernichtung anheimfallen, weil es dem Wesen nach unzerstörbar ist.

Zusammenfassung

Die Errettung vom göttlichen Zorn am jüngsten Tag hat also nach Paulus nicht primär etwas mit der Sündenvergebung zu tun, sondern mit dem in mir existenten neuen Leben.

Dieses neue Leben kann zwar nur in mir wohnen, weil die Sünden vergeben sind, aber die Vergebung ist eben nur die indirekte Ursache (oder die Ursache der Ursache) dafür, dass ich im Endgericht überlebe. Die direkte Ursache ist das neue Leben, die neue Natur, die ich bin, weil ich der Tempel des Heiligen Geistes bin.