1.Korinther 12,27 – Gott liest meine Artikel

In diesem ganzen Kapitel spricht Paulus lang und breit über die Einheit. Jedem Schriftsteller hätte man bei so einem Stil „unnötige Längen“ vorgeworfen. Wenn in der Kürze die Würze liegt, dann ist dieses Kapitel 12 ziemlich fad.

Paulus schreibt über eine grundlegende Einheit, und zwar über die Einheit der Quelle der Geistesgaben und die Einheit der Wirkungen der Geistesgaben.

Man verwechselt das leicht mit weltlicher Einheit, denn die kennt man. Man schließt dann beim Lesen des Textes auf das, was man ohnehin schon weiß, und verpasst damit die eigentliche Aussage.

Denn wir kennen Einheit als Notwendigkeit für das Funktionieren weltlicher Strukturen.

Politische Parteien müssen eine einheitliche Linie und ein einheitliches Reden haben, sonst werden sie nicht gewählt und können nichts bewirken. Man nennt das „Parteidisziplin“.

Militärische Strukturen müssen Einheit besitzen. Darum gibt es einen Anführer, dem alle gehorchen müssen, und es gibt empfindliche Strafen, wenn man es nicht tut.

Der bekannte Gott

Es geht dem Paulus aber nicht um eine Einheit, die für eine Funktion nötig ist.

Paulus sagt: Ihr seid Gott.

Ja ja, wörtlich sagt er: Ihr seid der Leib Christi. Aber wenn die Gemeinde der neue Körper des Christus ist, dann ist sie damit Gott. Natürlich nur teilweise.

Aber es ist ein Unterschied zum Alten Bund, in dem alle Menschen Gottes Ebenbild waren und die Juden zusätzlich Volk Gottes. Gott und egal welcher Mensch waren getrennte Personen.

Seitdem der Mensch aber eine neue Schöpfung ist, und seitdem „Christus in mir lebt“, um wieder Paulus zu zitieren, ist der Mensch Teil von Gott. Oder Gott ist Teil vom Menschen. Egal wie rum. Gott und Christ sind die gleiche Person.

Man hätte es wissen können

Dass die Gemeinde im Grunde genommen Gott ist – also der neue Körper von Jesus – hätte man natürlich längst aus anderen Bibelstellen herauslesen dürfen.

·         Wenn die Gläubigen den Bergen und den Feigenbäumen Befehle erteilen können, denen Berge und Bäume dann zu gehorchen haben (Mt 21,21), dann werden die Gläubigen wohl irgendwie Gott gleich sein. Oder kennen Sie einen Präsidenten, der das kann?

·         Wenn Petrus, dem Felsen, auf dem die Gemeinde aufgebaut wird, versprochen wird, dass er auf der Erde eine Entscheidung treffen kann, die dann im Himmel verbindlich wird (die die himmlischen Autoritäten also akzeptieren und umsetzen müssen), dann ist Petrus wohl nicht viel weniger als Gott (Mt 18,18). Oder kennen Sie einen Monarchen, nach dem man sich im Himmel richtet?

·         Wenn Sie im Namen Jesu beten und handeln können – ja meine Güte, dann sind Sie praktisch Jesus. Wenn Sie von mir eine Generalvollmacht haben und darum in meinem Namen handeln können, sind Sie im praktischen Leben ja auch wie ich. Sicher, Sie haben dann nicht so ein hübsches Antlitz wie ich, aber in den tatsächlichen Auswirkungen besteht kein Unterschied.

·         Falls Sie das Kapitel 12 im ersten Korintherbrief gelesen haben – wenn es in der Gemeinde Menschen mit der Gabe der Wunderwirkungen und mit der Gabe der Krankenheilung gibt und wenn man böse Geister von guten unterscheiden kann – kennen Sie irgendeinen Wirtschaftsführer oder einen Milliardär, der das kann? Wenn eine Gemeinde so etwas kann, gehört sie zu den höchsten Menschen der Erde. Ja, eben: Zu den göttlichen.

Das Nichtsein

Wenn eine weltliche Gruppierung in sich selbst uneins ist, ist sie in ihrer Funktion beeinträchtigt. Eine Partei, die sich in Flügelkämpfen zerlegt, wird ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr gut erfüllen können.

Bei einer Gemeinde, die der neue Körper von Jesus ist, ist es schlimmer: Wenn sie nicht eins ist, hört sie auf, göttlich zu sein. Sie verliert zwar auch ihre Funktion; aber sie verliert die Funktion, weil sie ihre Identität verliert.

Denn es kann eben nicht vorkommen, dass Gott intern zerstritten ist – Jesus gegen den Heiligen Geist und Gott gegen Jesus.

Aus diesem Grund haben wir im hohepriesterlichen Gebet einen langen Abschnitt darüber, dass die Christen so eins sein müssen, wie Gott und Jesus miteinander eins sind (Jh 17,11 + 21-23). Denn wenn sie es nicht sind, dann besteht die Gemeinde zwar als Ansammlung von Menschen weiter, aber ihre göttlichen Eigenschaften sind ihr gekündigt.

Die Folgerung

Die Gemeinde muss sich nicht zwangsläufig einig sein über die Methoden, welche in der Gemeinde angewendet werden. Es kann Zungenrede und Weisheit nebeneinander geben.

Die Gemeinde muss sich einig sein in ihrer Beziehung zu Gott. Dazu gehört, dass sie darin einig ist, dass auch ein Mensch zu Gott gehören kann, der andere Methoden bevorzugt als ich.

Und damit ein Mensch, der völlig anders denkt als ich.

Die Einheit muss darin geschehen, dass der Wille Gottes das einzige Maß ist, an dem unser Verhalten zu messen ist. Und zwar der tatsächliche Wille Gottes – nicht das, was ich für den Willen Gottes halte.

Damit muss es eine gewisse Einheit im Ziel geben - nämlich dass das Ziel der Gemeinde ist, den Willen Gottes umzusetzen. Also das zu machen, was Jesus machen würde.

Die beiden wichtigsten Gebote stehen fest. Sie sind nicht verhandelbar. Darin hat Einheit zu bestehen. Aber die Methoden, mit denen die Gebote umgesetzt werden, sind variabel.

P.S.: Die Überschrift

Falls Sie die Überschrift nicht verstanden haben: Wenn die Gemeinde der neue Körper von Jesus ist, und wenn sie damit also göttlich ist; und wenn Sie zu einer Gemeinde gehören und damit ebenfalls göttlich sind und ebenfalls Teil vom Leib Christi sind: Dann liest Gott meinen Artikel, indem Sie ihn lesen. Und wenn zwei oder drei Leute, die Teil des neuen Körpers von Jesus sind, diesen Artikel lesen, dann stimmt die Überschrift erst recht.