1.Korinther 6,13 – der Körper ist nicht der Leib
Mit diesem Absatz über die Beziehung zur Prostitution hat Paulus uns viel Freude gemacht.
Denn beim einfachen Lesen wird man kaum verstehen, was Paulus sagen will. Man wäre eher geneigt, den Korinthern recht zu geben, wenn sie sagen, dass zwischen der körperlichen Aktivität des Essens und der körperlichen Aktivität beim Besuch der Prostituierten kein Unterschied besteht.
Und dass es eben das Körperliche gibt, und im Gegensatz dazu gibt es das Geistliche, und während das Geistliche ewigkeitliche Relevanz besitzt, zählt das Körperliche nur auf der Erde. Zumindest so lange, wie kein anderer Mensch geschädigt wird.
Dummerweise definiert Paulus „Leib“ ganz anders.
Paulus geht davon aus, dass wir nach der Auferstehung (also eine Weile nach unserem Tod) auch einen Leib haben werden. Wir nennen den allgemein „Auferstehungsleib“.
Das folgt daraus, dass Jesus nach seiner Auferstehung schließlich auch einen Leib hatte, und dass er seit der Himmelfahrt ebenfalls irgendeine Form haben muss. Diese Form muss nicht materiell sein, aber es muss erkennbar sein, wo Jesus anfängt und wo er aufhört. Da, wo der Teufel ist, kann ja nicht gleichzeitig Jesus sein.
Da könnte man nun natürlich fragen, was der Auferstehungsleib damit zu tun hat, dass man heute zur Prostituierten geht.
Paulus meint, im Grunde haben wir diesen Leib schon jetzt. Und wir nehmen ihn durch den Tod mit.
Womit natürlich klar ist, dass mit „Leib“ nicht unser Körper gemeint ist. Der bleibt ja hier.
Wir würden das, was Paulus meint, heute wahrscheinlich „Individualität“ oder „Individuum“ nennen.
Also dass ich nach Tod und Auferstehung immer noch „ich“ bin.
Was man mitnimmt
Den Bauch werden wir nicht mitnehmen. Im Himmel wird nicht mehr gegessen und verdaut. Wer also seinen Magen schädigt, bekommt auf der Erde Magenschmerzen, mehr aber auch nicht.
Unsere Individualität und damit auch unsere Fähigkeit zur Zugehörigkeit werden wir aber mitnehmen.
Wir werden im Himmel zu jemandem gehören. Oder anders gesagt: Wenn wir keine Zugehörigkeit zu Jesus haben, kommen wir gar nicht erst rein.
Und damit Zugehörigkeit überhaupt entstehen kann, müssen Sie definierbar sein. Sie müssen Grenzen haben. Es muss einen Bereich geben, wo Sie sind, und es muss einen Bereich geben, wo Sie nicht sind.
In der Sprache des Paulus heißt diese Zugehörigkeit „eins sein“.
Wo der Bauch dazu gehört, ist somit egal. Er bleibt ohnehin hier. Zu wem oder was der Leib gehört, ist jedoch eine wichtige Frage. Denn diese Zugehörigkeit geht möglicherweise über das diesseitige Leben hinaus.
Wo es losgeht
Die Anfänge dieser Unterscheidungen liegt natürlich schon in Genesis 2,21ff, wo die Frau aus der Rippe des Mannes erschaffen wird und es dann heißt, dass die beiden „ein Fleisch werden“.
Damit ist nun eben nicht gemeint, dass die beiden ein Körper werden. Es geht also nicht um einen rein materiellen Vorgang.
Wenn die beiden nur ein Körper würden, könnte man das auch wieder trennen. Das wäre dann ein rein mechanischer Vorgang. (Wie bei aufgepfropften Kakteen.)
Wenn die beiden aber ein Individuum werden, wenn sie also durch etwas verbunden sind, das nicht auf materieller Basis basiert, dann kann man es eben nicht einfach so trennen.
Darum ist Gott so laut gegen die Ehescheidung. Und erst recht gegen die Wiederheirat.
Und manchmal merkt man diese Gesetzmäßigkeit, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die nicht alleine leben können. Die unbedingt einen Partner brauchen, selbst wenn dieser Partner sie schlägt oder betrügt.
Dann bricht durch, dass der Mensch alleine nicht vollständig ist.
Zugehörigkeit ist ein starkes menschliches Bedürfnis.
Der Konflikt
Wenn die Sexualität zwischen Mann und Frau nur zu einer materiellen Einheit führen würde, dann wäre das in Bezug auf das Himmelreich und die Zugehörigkeit zu Jesus egal. Denn die Zugehörigkeit zu Jesus ist nicht an das Fleisch gebunden. Dann könnte man auch zur Prostituierten gehen, denn das würde nur zu einer materiellen Einheit führen, die im Paralleluniversum keine Relevanz hat.
Aber wenn durch den Sexualakt jetzt mehr entsteht als nur ein materielles Zusammenkommen, dann gibt es einen knirschenden Konflikt.
Denn der Christ hat ja bereits eine Zugehörigkeit zu Jesus. Steht in 1. Korinther 6,17
17Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm.
Und auch hier ist nicht an irgendeine mechanische Abhängigkeit gedacht, sondern es ist tatsächlich so gemeint, dass Jesus und ich ein Individuum sind. Das Johannesevangelium ist voll von den dazugehörigen Bildern, und von Paulus kennt man im Allgemeinen „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20).
Die Sexualität mit dem Ehepartner steht der Einheit mit Jesus nicht entgegen, denn in der Ehe ist es ja beabsichtigt, dass da etwas Gemeinsames entsteht, das über die rein körperliche Vereinigung hinausgeht. Paulus nennt darum die Ehe auch ein Muster oder ein Vorbild für Gottes Beziehung zur Gemeinde (Epheser 5,32).
Aber beim Verkehr mit der Prostituierten beabsichtigt ja niemand, dass da eine übergeordnete Einheit, ein gemeinsames Individuum entsteht. Hier geht es nur um das Ausleben eines rein körperlich empfundenen Bedürfnisses.
Durch den Verkehr mit der Prostituierten (oder dem Callboy) entsteht aber trotzdem so eine Einheit (sagt Vers 16), ob man will oder nicht. Und dann sind Jesus, die Prostituierte und ich eine ewige Einheit.
Und da soll dann vernünftig Reich Gottes draus werden.
Wobei Paulus zu unser aller Elend nicht sagt, was die Konsequenz ist, wenn diese Einheit entstanden ist. Kommt man dann nicht in den Himmel? Fliegt man aus der Gemeinde raus? Zieht Jesus sich zurück, weil er nicht eins sein will mit einer ungläubigen Prostituierten? Darüber macht Paulus keine Aussage. Klar ist nur: Es geht so nicht. Wir haben dann eine Störung, über welche der Teufel sich freut.
Die Aussage
Die Aussage des Paulus in diesem Abschnitt ist für uns deshalb so schwer zu verstehen, weil Paulus hier einiges voraussetzt, was nirgends in der Bibel ausdrücklich gesagt wird.
Paulus geht davon aus, dass wir eine neue Schöpfung geworden sind und damit über einen „Leib“ verfügen, den wir mit in die Ewigkeit nehmen. Dieser „Leib“ ist nicht identisch mit unserem Körper, wird aber teilweise sichtbar in unserem Körper und drückt sich durch unseren Körper aus (z.B. durch unser Beten oder unsere guten Werke).
Dieser „Leib“ besteht auch nicht nur aus Anteilen von mir, sondern gleichermaßen aus Anteilen des Christus (oder, gleichbedeutend: des Heiligen Geistes). Dieser „Leib“ ist also ein Mischwesen.
Demgegenüber haben wir uns angewöhnt, zu sagen, unsere Seele komme dermaleinst in den Himmel. Solo. Als unabhängiges Einzelwesen.
Wir sehen den Christus als etwas von uns Getrenntes an, zu dem man beten kann: Der Christus ist dort, und wir sind hier. Nach Pfingsten betet aber niemand im Neuen Testament zu Jesus oder zum Christus. Auch Paulus hat sich nie so ausgedrückt.
(Wenn Sie jetzt sehr bibelfest sind, werden Sie im NT ein solches Gebet zum Christus finden. Da hatte aber einer gerade Jesus persönlich auf dem Thron gesehen, und Sie werden wahrscheinlich keinen Wert darauf legen, in die gleiche Situation zu kommen wie dieser Beter.)
Paulus und Johannes verstanden sich selbst und den Christus als eine Einheit. Wenn man da zum Christus beten will, muss man Selbstgespräche führen.
Die Haltung des Paulus gegen den Besuch bei der Prostituierten und gegen die Unzucht allgemein hat also nichts mit einer verklemmten Sexfeindlichkeit des Paulus zu tun. Im Gegenteil geht Paulus davon aus, dass Sexualität eine der höchsten Wirkungen entfaltet, die es im Leben eines Menschen geben kann.
Sie schafft ein neues Individuum.
Und damit sind nicht die Kinder gemeint.