Apostelgeschichte 14,22 – ein Paradies für Masochisten
Auf seiner ersten Missionsreise hatte Paulus ein paar Gemeinden gegründet.
Das war unter erheblichen Schwierigkeiten geschehen, und das ist noch zart ausgedrückt.
Denn Paulus ist in Lystra von einem organisiert zusammengerotteten Mob gesteinigt worden, hat es aber überlebt.
Der Sturm hatte sich auch schnell wieder gelegt, denn als Paulus ein paar Wochen später wieder nach Lystra, Ikonion und Antiochia zurückkehrte, konnte er dort in Ruhe die Gemeinden aufbauen.
Und weil das mit den Zoom-Konferenzen damals noch nicht so klappte, darum war damit zu rechnen, dass die neuen Christen in diesen Städten jetzt erstmal lange Zeit alleine zurechtkommen mussten.
Die konnten niemanden fragen, der Erfahrung hatte.
Die konnten niemanden fragen, der sich auskannte.
Es war niemand mit einer christlichen theologischen Ausbildung in Reichweite.
Also musste Paulus denen jetzt ein paar Anweisungen dalassen, mit denen sie die nächsten Jahre überleben konnten.
Bei dieser Gelegenheit hat Paulus sicher einiges gesagt.
Lange Reden gehalten.
Jede Minute ausgenutzt.
In der Apostelgeschichte wird der Inhalt all dieser Hinweise des Paulus zusammengefasst.
Die abschließenden Hinweise des Paulus.
In einem halben Satz.
Und der ist nicht schön.
Apostelgeschichte 14,22
22Sie stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu verharren, und sagten, dass wir durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes hineingehen müssen.
Das ist inhaltlich das Einzige, was Lukas uns von diesen Belehrungen des Paulus erzählt.
Ganz naiv gefragt: Wäre es da nicht besser, die Sache mit Jesus und dem Reich Gottes sein zu lassen?
Wie soll man unter diesen Voraussetzungen Mission betreiben?
Wer bekehrt sich denn zu so etwas?
Die Welt und die anderen
Allerdings muss man fragen: Haben die Gottlosen etwa nicht „viele Bedrängnisse“?
Leben Agnostiker im Gegensatz zu Christen in paradiesischen Verhältnissen?
Und da müssen wir wohl zu der Erkenntnis kommen, dass es zwischen den Bedrängnissen von Gläubigen und Ungläubigen im Durchschnitt keinen Unterschied gibt.
Weil manche Christen eine verzerrte Wahrnehmung haben, fallen ihnen dann ein paar Gottlose ein, die scheinbar ein unbeschwertes und herrliches Leben leben und vom Schicksal ungemein bevorzugt sind. Und diese Personen mit dem Geldspeicher wie Dagobert Duck, die nehmen sie dann als Beweis dafür, dass die wahren Christen vom Märtyrertum bedroht sind, während die Gottlosen in Samt und Seide und Harmonie leben.
Ist natürlich Quatsch.
Es gibt und gab Millionen von Ungläubigen, die ein Leben in furchtbaren Elend leben müssen.
Und in die Köpfe und Seelen der Reichen und Schönen kann man nicht hineinschauen. Ob die wirklich so glücklich sind, wie wir es aufgrund deren Kontostand vermuten, ist eher fraglich.
Im übrigens gibt es auch viele Christen, die relativ ruckelfrei durchs Leben kommen.
Die Aussage des Paulus hier ist nämlich nicht: „Wenn du als Christ nicht unglaublich leidest, ist dein Glaube nicht in Ordnung.“
Sondern Paulus antwortet auf die Erwartung der Gläubigen, dass das Leben der Erlösten ein einziger Sonnenschein ist.
Wo doch jetzt das Böse besiegt ist, der Teufel erledigt ist und der Satan am Boden liegt.
Wo wir doch einen Gott der Liebe haben, und Jesus ist gegeben alle Macht überall!
Da muss doch nun ein paradiesisches Leben auf uns warten!
Und auch einige Bilder im Alten Testament, die das Reich Gottes beschreiben, lassen ja diesen Eindruck einer ungestörten Idylle entstehen.
Also rückt Paulus diese Erwartung zurecht.
Und in diesem halben Satz, den Lukas uns als Zusammenfassung bringt, steckt gleich noch eine umfangreiche Handlungsanweisung mit drin.
Die Grundlage für die Bedrängnisse
Es gäbe sicher eine ganze Menge Bibelstellen, die Belege liefern für Paulus seine Aussage über die Bedrängnisse.
Die beste Zusammenfassung steht aber in Offenbarung 6. Bei den apokalyptischen Reitern und den beiden anderen Erscheinungen.
Wobei man schnell merkt: Die Reiter sind gar nicht apokalyptisch. Sondern sie sind grundsätzlich und gegenwärtig.
Die Reiter erscheinen, bevor das Buch geöffnet ist, das Gottes Plan für die Welt enthält.
Sie sind die Präambel. So wie das deutsche Grundgesetz eine Präambel hat.
Die Reiter sind das Vorwort.
Die Reiter sind die Grundlage für das, was danach kommt.
Die Reiter sind wichtig, um das Nachfolgende richtig verstehen oder einordnen zu können.
Denn die Reiter stellen die Grundlagen dar, auf denen die Welt funktioniert.
Und zwar für alle: Gläubige und Ungläubige.
Die Reiter stellen die unveränderlichen Gesetze der Welt dar, welche auch durch Jesu Auferstehung nicht verändert werden.
Und alles, was hinterher in den Posaunen, den Zornschalen und auch sonst passiert, geschieht unter den Gesetzmäßigkeiten, welche die Reiter symbolisieren.
Erster Reiter: Sieger und Verlierer
Offenbarung 6,1–2
1Und ich sah, als das Lamm eines von den sieben Siegeln öffnete, und hörte eines von den vier lebendigen Wesen wie mit einer Donnerstimme sagen: Komm!
2Und ich sah: Und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, hatte einen Bogen; und ihm wurde ein Siegeskranz gegeben, und er zog aus, siegend und um zu siegen.
Es ist ein nicht zu änderndes Gesetz dieser Welt, dass es Sieger und Verlierer gibt.
Irgend eine Art von Pazifismus oder gleichberechtigter Koexistenz ist nicht vorgesehen.
Das heißt: Das Leben ist Kampf.
Immer.
Muss es auch sein. Solange es das Böse gibt.
Schließlich kann man das Böse ja nicht einfach machen lassen.
Die positive Nachricht für die Gläubigen: Christus hat den Sieg errungen. Der Verlierer steht fest.
Sie müssen als Anhänger von Jesus zwar immer noch kämpfen, aber Sie können mit der Gewissheit kämpfen,
· dass dem Glauben alles möglich ist
· dass alles zu Ihrem Vorteil sein muss (weil es zu Ihrem Nachteil ja nicht sein kann – sonst hätte ja das Böse in diesem Fall gewonnen)
Aber kämpfen werden Sie müssen. Wie Paulus sagte: Sie müssen durch viele Bedrängnisse.
Noch nicht einmal Gottes Sohn hatte ein einfaches Leben.
Zweiter Reiter: Krieg und gar kein Frieden
Offenbarung 6,4
4Und es zog aus ein anderes, ein feuerrotes Pferd; und dem, der darauf saß, ihm wurde gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen und die Menschen dahin zu bringen, dass sie einander schlachteten; und ihm wurde ein großes Schwert gegeben.
Dass der Mensch der Feind des Menschen ist, wird in der Bibel mit dem Sündenfall begründet und tritt uns zum ersten Mal bei Kain und Abel entgegen.
Nicht nur der zweite apokalyptische Reiter geht von Gott aus und ist damit nicht zu verhindern. Auch beim Sündenfall wird die prinzipielle Feindschaft zwischen allem und jedem von Gott verordnet, und in Matthäus 24 setzt Jesus Krieg und Kriegsgeschrei als völlig normal voraus und sagt keineswegs, dass man dagegen anbeten soll.
Wenn in Ihrer Gemeinde also anhaltend für den Frieden in der Welt gebetet wird – nun ja, Bibelkenntnis geht anders.
Dass Paulus sagt, wir müssen durch viele Bedrängnisse ins Reich Gottes eingehen, heißt eben auch: Es werden kleine und große Kriege über uns hinwegrollen, vom Nachbarschaftsstreit bis zum Weltkrieg.
Und es muss so sein. Gott will und kann es nicht ändern.
Sogar Gottes Sohn haben gewisse Menschen „geschlachtet“.
Dritter Reiter: Ausbeutung und Ungerechtigkeit
Offenbarung 6,5–6
5Und als es das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte lebendige Wesen sagen: Komm! Und ich sah: Und siehe, ein schwarzes Pferd, und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand.
6Und ich hörte etwas wie eine Stimme inmitten der vier lebendigen Wesen, die sagte: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar! Und dem Öl und dem Wein füge keinen Schaden zu!
Weltliche Gerechtigkeit ist ein großes Thema unter heutigen Christen.
Natürlich wäre es sehr schön, wenn es gerecht zuginge auf der Welt.
Von Gott her ist das aber nicht vorgesehen.
Zwar ist vorgesehen, dass Christen gerecht handeln sollen. (Was allerdings voraussetzt, dass man erkennen kann, was in diesem Moment tatsächlich gerecht wäre.)
Und so sehen wir sogar in den Gemeinden, dass einzelne Christen sich durch andere Christen ungerecht behandelt fühlen.
Erst recht ist nicht zu erwarten, dass wir eine gerechte Außenwelt vorfinden.
Ihr Glaube muss sich in einer ungerechten Welt bewähren. (In einer gerechten Welt würden Sie die Hälfte Ihres Glaubens vermutlich gar nicht benötigen.)
Dass Sie durch viel Bedrängnis in das Reich Gottes eingehen werden, bedeutet auch, dass Sie mit Ausbeutung und Ungerechtigkeit zu leben lernen müssen.
Vierter Reiter: Tod, vielfältig
Offenbarung 6,8
8Und ich sah: Und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, dessen Name ist »Tod«; und der Hades folgte ihm. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und mit Hunger und mit Tod und durch die wilden Tiere der Erde.
Der irdische Tod ist keineswegs abgeschafft.
Er ist seit dem Rauswurf aus dem Paradies zwingend.
Durch Jesu Auferweckung macht der Tod zwar eine neue Tür auf – nämlich die zum ewigen Leben – aber das mindert die Macht des Todes auf der Erde in keinster Weise.
Auch der Tod „unschuldiger“ Kinder oder anderer Menschen, deren Zeit wir noch nicht für gekommen halten, gehört dazu.
Besonders dümmlich ist in diesem Zusammenhang übrigens die Aussage „Gott hat das zugelassen“.
Wenn Gott a) tatsächlich allmächtig ist und b) durch und durch Liebe ist, dann ist die Option, dass Gott ein Kind sterben sieht, es wegen seiner Allmacht verhindern könnte, aber lieber tatenlos zusieht, ein ziemlich unlogischer Gedanke.
Die Allgegenwart des Todes ist ein zwingender Bestandteil des Universums. Gott hat diesen Bestandteil in die Welt als nicht abstellbar eingebaut. Somit kann auch Gott den Tod einer Person genauso wenig verhindern, wie er Kriege verhindern kann.
Wenn Sie also durch viele Bedrängnisse ins Reich Gottes eingehen müssen, dann gehört dazu, dass Sie zu jedem unpassenden Zeitpunkt mit dem Tod zurechtkommen müssen.
Fünftens: Die Märtyrer
Offenbarung 6,9
9Und als es das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die geschlachtet worden waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hatten.
Der Kampf der Menschen (oder der Menschheit) gegen Gott wird niemals aufhören.
Der Widerstand gegen Gott ist unaufhebbarer Bestandteil der Welt.
Und weil man Gott nicht direkt angreifen kann, werden die Menschen die Gläubigen angreifen. Gottes Bodenpersonal, sozusagen. Ist ja niemand anderes da.
Wenn man durch viel Bedrängnis ins Reich Gottes eingehen muss, dann liegt das auch daran, dass man den Ärger abkriegt, den eigentlich Gott abkriegen sollte.
Sechstens: Gericht und Wiederkunft
Gott hat am Ende das letzte Wort.
Ach, Sie dachten, Elon Musk hat es?
Nein, ist nicht so.
Leben Sie also bitte so, dass Gott Sie am Ende freisprechen kann.
Ja, auch das gehört zur Bedrängnis: Dass Sie einen besonderen Stil des Lebens und des Denkens wählen müssen.
Sie können nicht einfach machen, wonach Ihnen der Kopf steht.
Sie sind verantwortlich, und Sie müssen sich verantworten.
Zusammenfassung
Gott hat einige Dinge in diese Welt eingebaut, auf die auch Gott keinen Einfluss mehr hat.
Gott kann den Tod nicht abstellen, die Ungerechtigkeit nicht verhindern, den Frieden nicht befehlen und die Kämpfe nicht aufhören lassen.
Selbst Gott muss mit diesem Zeug zurechtkommen.
Und kommen Sie mir nicht mit „Allmacht“. Denn Gottes Macht besteht nicht darin, dass er all diese Dinge verhindern kann.
Sondern sie besteht darin, dass Gott trotz all dieser Dinge sein Reich bauen kann.
Und niemand kann dieses Reich verhindern.
Ein Reich unter paradiesischen Umständen bauen, das könnte sogar ich.
Aber ein unantastbares Reich bauen unter den herrschenden Umständen: Das ist göttlich, und das ist Herrlichkeit.