Psalm 27 – die Bewerbung
Fünfzehn Jahre war David etwa alt, als er das erste Mal erfuhr, dass er König werden sollte. Nee, man muss es genauer sagen: Als er hörte, dass Gott wollte, dass er König wurde. Er war so jung, dass man ihn zu dem Festessen mit Samuel nicht einlud, seine Brüder aber schon.
Bei der Sache mit Goliath war David nicht viel älter, denn er musste seinen Brüdern die Brotdose aufs Schlachtfeld bringen, durfte aber selber noch nicht mitkämpfen.
Als er dann schließlich König wurde – und zwar nur über Juda und damit nicht Nachfolger von Saul – war er 30 Jahre alt. Bis er König über ganz Israel wurde, dauerte es dann nochmal mindestens zwei Jahre.
Und irgendwann in der Zwischenzeit entstand dieser Psalm. Denken Sie es sich so, als wäre David 25 oder 27 Jahre alt. Und anstatt König zu sein, ist er ein vertriebener Söldnerführer und lebt als geduldeter Asylant bei Israels schlimmsten Feinden, den Philistern.
Und ein Ende dieses Zustandes ist nicht in Sicht. Denn die Armee und die Bevölkerung Israels denken gar nicht daran, Saul abzusetzen und durch David zu ersetzen.
Und in dieser Situation – den Willen Gottes kennend, aber in der Realität nichts davon sehend – schreibt David diese Bewerbung an Gott.
Die erste Qualifikation des Bewerbers
Die erste Qualifikation des Bewerbers ist, dass er furchtlos ist. Aber er ist es nicht, weil er über Superkräfte verfügt, sondern weil Gott auf seiner Seite ist. Der Bewerber soll schließlich Gottes König werden.
1Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Zuflucht, vor wem sollte ich erschrecken?
2Wenn Übeltäter mir nahen, mein Fleisch zu fressen, meine Bedränger und meine Feinde – sie straucheln und fallen.
Ich hoffe, Sie haben das „wenn“ am Anfang gelesen. Die meisten Ausleger und Prediger sehen es nicht und behaupten dann, das schreckliche Ereignis sei schon eingetreten.
3Wenn sich ein Heer gegen mich lagert, fürchtet sich mein Herz nicht; wenn sich auch Krieg gegen mich erhebt, trotzdem bin ich vertrauensvoll.
Der Bewerber teilt Gott also mit, dass er ein guter König Gottes wäre. Er knickt nicht ein vor den Feinden, und dann war es das mit Gottes Reich. Er weiß, dass er Gottes König sein würde.
Die zweite Qualifikation des Bewerbers
Das Ziel des Bewerbers ist nicht Reichtum. Er liebt auch nicht die Macht um der Macht willen. Das Ziel und der Wunsch des Bewerbers ist Gott.
4Eins habe ich vom HERRN erbeten, danach trachte ich: zu wohnen im Haus des HERRN alle Tage meines Lebens, um anzuschauen die Freundlichkeit des HERRN und nachzudenken in seinem Tempel.
Wenn Sie das Alte Testament lesen, dann ist das Kriterium für einen guten König immer seine Nähe zu Gott. Politisch kann der König begabt oder unfähig sein – das spielt in der Bewertung der Bibel keine Rolle.
Warum die Nähe wichtig ist
5Denn er wird mich bergen in seiner Hütte am Tag des Unheils, er wird mich verbergen im Versteck seines Zeltes; auf einen Felsen wird er mich heben.
6Und nun wird mein Haupt sich erheben über meine Feinde rings um mich her. Opfer voller Jubel will ich opfern in seinem Zelt, ich will singen und spielen dem HERRN.
Wenn Gott jemanden zum König (oder zu sonst einem Dienst) beruft, lässt Gott denjenigen nicht untergehen. Die Berufung durch Gott ist keine Strafe. Darum will David auch König werden: Denn er weiß, mit Gott wird das gut. Das wird kein Kamikaze-Projekt.
Der Bewerber kann also ruhig eingestellt werden. Er wird es nicht vermasseln. Denn Gott wird ihn beschützen, und Gott wird für ihn kämpfen. Und damit ist der Sieg garantiert, denn gegen Gott kommt niemand an.
Die Krise der Jahre.
Oder die Jahre der Krise.
Nachdem sich Davids Lage über die Jahre nicht gebessert hatte, bittet er Gott nun, ihm endlich das Versprochene zu geben.
7Höre, HERR, mit meiner Stimme rufe ich: sei mir gnädig und erhöre mich!
Und David erzählt Gott nun, dass er richtig gehandelt hat. Bei den vielen Fehlern, die David wie jeder Mensch gemacht hat, hat er an zentraler Stelle das Richtige gemacht. Er sagt jetzt zu Gott: Du hast es gesagt, und ich habe es gemacht.
8Mein Herz erinnert dich: »Sucht mein Angesicht!« – Dein Angesicht, HERR, suche ich.
(Wenn es Ihnen wichtig ist: Die Aufforderung, Gott zu suchen, steht mehrfach im Gesetz, u.a. in Deuteronomium 4,29.)
Bezüglich der Fehler.
Wenn die Erfüllung einer Verheißung so unglaublich lange dauert, kann einem schon mal die Idee kommen, dass Gott nicht handelt, weil man sich versündigt hat. Gott hätte mich längst zum König machen wollen, aber ich habe es vermasselt.
9Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, weise deinen Knecht nicht ab im Zorn! Du bist meine Hilfe gewesen. Gib mich nicht auf und verlass mich nicht, Gott meines Heils!
10Sogar mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, aber der HERR nimmt mich auf.
Man könnte auf die Idee kommen: Gott ist weggegangen und hat sich einem anderen Bewerber oder einem anderen Volk zugewandt. Aber das hieße, dass Gott den Bewerber jetzt schutzlos in einer Situation zurückgelassen hat, in die der Bewerber von alleine nie gekommen wäre. Ziemlich undenkbar.
Was nun?
Wie geht es weiter? Wird David nun König, oder geht er unter? Denn mehr Alternativen scheint es in dieser Situation nicht zu geben. Dank Gott ist David in eine Situation hineingerutscht, aus der es keinen vernünftigen Ausweg mehr gibt.
11Lehre mich, HERR, deinen Weg, und leite mich auf ebenem Pfad wegen meiner Feinde!
12Gib mich nicht preis der Gier meiner Bedränger, denn falsche Zeugen sind gegen mich aufgestanden und der, der Gewalttat schnaubt.
Die Frage ist also: Was willst Du denn nun, Gott? Sag mir doch zum Kuckuck nochmal endlich, was Sache ist.
Und das müsste eigentlich heißen: Wann und wie ich König werde. Denn ein Unentschieden kann es zwischen David und seinen Feinden eigentlich nicht geben.
Sicherheit
Aber bis jetzt kommt nichts. Keine Antwort von Gott, zumindest nicht auf diese Frage.
Woraufhin der Bewerber zugibt, dass er sich eigentlich sicher ist, dass Gott seine Versprechen einhält:
13Ach, wenn ich mir nicht sicher wäre, das Gute des HERRN zu schauen im Land der Lebendigen …!
Ja, aber er ist sich eben sicher.
Zu so einer Sicherheit trägt auch bei, dass Gott ja die ganze Zeit mit ihm geredet hat. Nur eben nicht über den Termin der Königskrönung. Aber wenn Gott immer wieder mit David redet, dann hat Gott sich offensichtlich nicht abgewandt.
Die Folgerung
Was also bleibt, wenn man immer noch nicht weiß, wann die Berufung endlich wahr wird?
14Harre auf den HERRN! Sei stark, und dein Herz erweise sich als mutig, und harre auf den HERRN!
Lernziel
Der Leser des Psalms – also Sie! – weiß natürlich längst, wie es ausgegangen ist.
Aber vielleicht wissen Sie es für Ihr eigenes Leben nicht? Genau dafür ist dieser Psalm geschrieben worden: Dass Menschen, die eine eindeutige Berufung oder Zusage von Gott haben, wissen können, dass Gott sein Wort hält. Gegen allen Anschein. Gegen alle Wahrscheinlichkeit. Gegen alle Hoffnungslosigkeit.
Es gibt keine Ausnahme.