Psalm 18 – subjektive Unausgewogenheit.
Ach, was ist der David wieder undankbar! Wie es bei Oscarverleihungen üblich ist, hätte er für die Unterstützung bei seinem Lebenswerk seinen Eltern und Geschwistern danken können. Und seiner Frau, denn hinter jedem starken Mann steht … naja, der David hatte einige davon, und inwiefern die mitreden durften, wissen wir nicht.
Bei der Zusammenfassung seines Lebens hätte David seine Freunde erwähnen müssen, die nicht umsonst „Helden Davids“ hießen. Alleine hätte David diesen Staat nicht erschaffen können; das war ein Gemeinschaftswerk.
Aber bei Davids abschließender Dankesrede kommen keine Menschen aus diesem Universum vor. Obwohl sich Davids ganzes Leben in diesem Universum abgespielt hat, kommt in seiner Schlussrede nur das Paralleluniversum vor, in dem Gott wohnt. Zumindest sind alle Adressaten des Dankes von dort, nicht von hier.
Unvergleichlich
David war sicher kein verschrobener Exzentriker und nerdiger Einzelgänger. Der hatte offensichtlich Charisma und konnte Menschen auch langfristig an sich binden. Darum finden wir in den biblischen Berichten wenig Fluktuation an Davids Seite. Bei fast 40 Jahren Regierungszeit ist das beachtlich – bedenken Sie nur, wie viele Premierminister die britische Queen hat kommen und gehen sehen, und wie viele Minister die Bundeskanzler Kohl und Merkel in ihren jeweils 16 Jahren Amtszeit verschlissen haben.
Und so wissen wir aus den biblischen Berichten, dass es einige Menschen gab, die David über Jahrzehnte treu gedient haben, seien es Propheten wie Nathan, Feldherren wie Joab oder einfach nur Mefi-Boschet, der Sohn von Jonatan.
Gott in Davids Augen
Aber keiner dieser Menschen erreichte auch nur annähernd die Bedeutung, die Gott für David hatte. Die Menschen wären zur Not austauschbar gewesen, aber Gott war durch nichts ersetzbar.
Die Existenz und die Zuwendung Gottes waren für David existenziell. Menschen hatte er viele, Gott nur einen. Die Menschen waren, selbst wenn sie sehr loyal waren, nicht immer gut und nicht immer hilfreich – siehe Joab. Gott war, laut David und den biblischen Erzählungen, immer gut. Nur Licht, und keine Finsternis in ihm.
David in Gottes Augen
Der Witz ist, dass es andersherum genauso war. Obwohl das in Zeiten christlicher Demut nicht sein darf. Aber in Gottes Augen war David so wichtig, dass Gott Himmel und Hölle in Bewegung setzt, wenn David ein Problem hat. Es gibt scheinbar nichts, was Gott nicht für David tun würde.
Diese Wichtigkeit von Menschen ist ein in der Bibel bekanntes Muster. Gideon bekam x-mal ein Zeichen; Gott hatte den König schon überzeugt, bevor Nehemia ihn überreden konnte; für die Bekehrung des Kämmerers musste Philippus extra zu einer öden Straße gehen und dann zurückteleportiert werden. Um Mose recht zu geben, öffnete sich die Erde, und um Paulus nach Rom zu bringen, eröffnete Gott ein Reisebüro.
Ein Mensch, dem Gott wichtig ist, ist für Gott noch viel wichtiger.
Einseitig
Aber es fällt eben doch auf: Wenn David eine Zusammenfassung seines Lebens gibt, dann geht es nur um Gott und ihn. Obwohl David viele Beziehungen im Leben hatte, geht es am Ende nur um diese eine.
Wenn man das als Außenstehender betrachtet, wirkt es besonders seltsam: Denn die einzige Beziehung, die am Ende wirklich zählt, ist ausgerechnet die, wo man den einen Partner nicht sehen kann und wo man auch von der Beziehung eigentlich nichts sehen kann.
Natürlich ist das nicht neu. Das hatten wir schon bei Jesus, der sagte, wenn jemand irgendwen anders mehr liebt als ihn, der sei seiner nicht würdig. Und Paulus wusste zu sagen, dass er alles andere als Dreck erachte im Vergleich zu der Beziehung zu Jesus.
Diese Sprüche aus dem Neuen Testament sind den wahren Christen flüssig im Ohr und verwundern uns nicht mehr. Wenn man dann aber im Psalm 18 in seinen Auswirkungen liest, klingt es eben doch seltsam und ungewohnt.
Der Casus Knaxus
Die Lösung ist wohl, dass wir hier eine Beziehung haben, wo zwei füreinander alles geben. Wirklich alles. Gott ist am Ende bereit, seinen Sohn für die Menschen zu geben, und der Mensch ist bereit, sein Leben und auch ansonsten, was er hat, für Gott zu geben. Die Beziehung ist absolut und total, und das in beide Richtungen.