Psalm 61 – Bürokratieabbau

Nachdem unsere Regierung nun den Bürokratieabbau beschlossen hat, ist auch David gezwungen, sich kurz zu halten und unnötige Formalien wegzulassen.

Und das ist ihm in diesem Psalm gelungen.

Wir haben hier eine öffentliche Regierungserklärung, die im Gegensatz zu den sonst oft langatmigen Äußerungen von Politikern mit wenigen knappen Sätzen auskommt.

Wobei man den ersten Satz allerdings nicht weglassen kann. Der erste Satz sagt, dass dieses ein öffentliches Papier ist, zum Publizieren gedacht, damit die Allgemeinheit (Sie gehören dazu!) es zur Kenntnis nehmen kann.

1Dem Chorleiter. Auf Saitenspiel. Von David.

Der Psalm fängt also nicht an mit „liebes Tagebuch“, sondern es ist klar, dass der Chorleiter das im Gottesdienst, also laut, und mit Musik dazu, also unüberhörbar.

Der Antrag in bemerkenswerter Kürze

Es folgt nun der Antrag als solcher. Er ist wenig aussagekräftig. Nach Lesen des Antrags werden Sie nicht viel schlauer sein.

2Höre, Gott, mein Schreien, horche auf mein Gebet!

3Vom Ende der Erde rufe ich zu dir, weil mein Herz verzagt; du wollest mich auf den Felsen leiten, der mir zu hoch ist.

Hab ich doch gesagt.

Das Einzige, was Sie in dem Antrag erfahren haben, ist, dass der Antragsteller ein massives Problem hat.

Darum schreit er zu Gott. Andernfalls könnte er normal reden.

Das Problem ist so groß, dass der Antragsteller von Gott eine übernatürliche Hilfe erwartet.

Ein Wunder.

Etwas Großes.

Wenn er selbstständig auf den Felsen raufkommen würde, wäre er schon oben. Das Ding übersteigt aber seine Möglichkeiten, obwohl es offenbar wichtig oder dringend ist.

Aber was das für ein Felsen sein soll, ob ein literarischer oder ein tatsächlicher, steht da nicht.

Und ob das Ende der Erde tatsächlich einen abgelegener Ort ist oder nur die gefühlte Ferne von Gott beschreiben soll, ist auch nicht ersichtlich.

Begründung eins

Es folgt nun der erste Teil der Begründung, warum der Antragsteller denkt, sein massives Problem sei bei Gott gut aufgehoben.

4Denn du bist mir eine Zuflucht geworden, ein starker Turm vor dem Feind.

5Ich möchte weilen in deinem Zelt in Ewigkeit, mich bergen im Schutz deiner Flügel.

Doch, das ist immer noch Bürokratieabbau. Viel kürzer hätte man das nicht schreiben können.

Denn der Antragsteller beruft sich auf seine eigene Erfahrung.

Er wendet sich an Gott, weil sich diese Vorgehensweise über die Jahre bewährt hat.

Es ist nicht so, wie wenn man jahrelang Diäten macht, aber es bringt alles nichts, denn am Ende ist man immer noch übergewichtiger.

Nein, der hier hat sich immer wieder im Lauf der Jahre mit seinen unlösbaren Problemen an Gott gewandt, und das hat sich bewährt. Die Probleme waren hinterher gelöst.

Gott hat sich als zuverlässig erwiesen. Und vermutlich auch als liebevoll und großzügig und all das, was die Leute später über Jesus sagen werden.

Darum will der Antragsteller einen Dauerzustand daraus machen.

Das Beste aller guten Leben. Das wäre was.

Begründung 2

Nun ist Erfahrung im Umgang mit Gott natürlich etwas sehr Schönes.

Aber es bleibt ja immer die Frage, ob man von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen kann.

Bei Aktienkursen funktioniert es nicht. Da kann eine Aktie jahrelang gut gelaufen sein, und dann stürzt sie in Bodenlose.

Bei Geschäftsideen funktioniert es auch nicht. Jahrelang hat man mit Disketten gute Geschäfte gemacht, und nun will sie keiner mehr.

Mit Menschen läuft es auch nicht so. Immer ist man mit Tante Gertrud gut ausgekommen, und jetzt hat sie plötzlich Nichte Henriette als Alleinerbin eingesetzt, und ich bekomme nichts.

Es wäre also hilfreich, wenn man mehr von Gott hätte als nur bestimmte Problemlösungen aus der Vergangenheit.

6Denn du, Gott, hast auf meine Gelübde gehört, hast mir gegeben das Erbteil derer, die deinen Namen fürchten.

Na, das ist doch mal was.

Gott hat dem Antragsteller ein Erbteil gegeben.

Auch hier wissen wir wieder nicht genau, was er meint. Hat er Land bekommen? Hat er ein Versprechen für die Ewigkeit bekommen? Ist hier bei David speziell die Verheißung aus 2.Samuel 7,12 gemeint?

Ist es einfach nur die Tatsache, dass Gott unbedingt wollte, dass David König wird, und jetzt ist es so?

Nun, ist auch egal. Tatsache ist aber wohl, dass wenn Gott jemandem ein Teil vom Reich Gottes gibt, dann nimmt er einem das nicht wieder weg.

Sowas ist in aller Regel eine ewige Zusage.

Es ist keine Leihgabe, die man zurückgeben muss. Es ist ein Erbteil. Und wenn man so etwas einmal hat, dann hat man das für immer.

Und nun können Sie ja selbst überlegen, ob Gott einen Menschen untergehen lässt, dem er ein Erbteil an himmlischen Komponenten gegeben hat.

Gott gibt einem Menschen himmlische Anteile und sagt dann: „Aber Dein Schicksal ist mir ansonsten egal. Und das Erbteil damit eigentlich auch.“

Ist erfahrungsgemäß unwahrscheinlich.

Die Sache mit dem Felsen

Der Antragsteller bittet Gott, ihm auf den Felsen zu helfen, weil die bisherigen Erfahrungen mit Gott das hergeben, und weil er im Besitz göttlichen Erbbesitzes ist, was ebenfalls darauf hinweist, dass er Gott nicht egal ist.

Und was ist nun? Kommt er auf den Felsen?

7Du wirst Tage zu den Tagen des Königs hinzufügen; seine Jahre mögen sein wie Generation auf Generation.

8Er möge ewig thronen vor dem Angesicht Gottes. Bestelle Gnade und Treue, dass sie ihn behüten!

Die Frage mit dem Felsen ist irrelevant geworden.

Der Felsen wäre die relativ nahe Zukunft gewesen.

Wenn aber die ferne Zukunft in positiver Klarheit dasteht, dann ist es verhältnismäßig egal, wie die nahe Zukunft aussieht. Denn es kommt auf das Endergebnis an.

Es hülfe einem ja nicht, wenn man in den nächsten Jahren viele Siege erringt, aber am Ende verliert man den Krieg, und alles geht den Bach runter.

Wenn aber der Ausgang der Geschichte klar ist, dann ist es verhältnismäßig egal, auf welchem Wege man dieses traumhafte Ende erreicht.

Perspektive

In Anbetracht der Umstände, dass man die Vergangenheit mit Gott auf die Zukunft hochrechnen kann, und angesichts der Tatsache, dass man ein Erbteil hat, das einem dem Wesen nach für immer gehört (und eben keine Leihgabe ist), sagt der Antragsteller jetzt bezüglich des Restes seines Lebens:

9So werde ich deinen Namen besingen immerdar; um damit meine Gelübde zu erfüllen Tag für Tag.

Weil das Ende klar ist, werde ich singen. Und die Gelübde erfüllen, denn das scheint sich zu lohnen

Sollten Sie also gerade ein Problem haben, wegen dem Sie zu Gott schreien, so überlegen Sie bitte, ob Sie eine fortschreibbare Vergangenheit mit Gott haben, und ob Sie ein himmlisches Erbteil besitzen. Wenn beides gegeben ist, kann es zwar (bezogen auf den Felsen) unangenehm werden, aber so schlimm, wie Sie es sich vorstellen, wird es nicht kommen.

Ganz im Gegenteil: Es wird gut werden.

Und es wird sich lohnen, mit Gott zu leben, Tag für Tag.