Richter 19 – internes Abschlachten

Wie Sie wahrscheinlich wissen, bin ich ziemlich alt.

So alt, dass ich die Zeiten noch miterlebt habe, als Krieg herrschte zwischen Pfingstlern und Konservativen. Und zwischen Bibeltreuen und der evangelischen Kirche.

In den 80er Jahren war es in meiner Gemeinde völlig klar, dass die Mitglieder einer Pfingstgemeinde nicht in den Himmel kommen. Die verstießen so krass gegen das Wort Gottes – keine Chance.

Ebenso klar war, dass die evangelische Kirche von Gott abgefallen war und dass man zu einem Gottesdienst von denen nicht hinging, weil man sich nicht der Sünde der falschen Lehre schuldig machen wollte.

Übrigens war es andersherum genauso: Für die evangelische Kirche war die Gemeinde Christi eine schlimme Sekte, und die Pfingstgemeinden wollten nichts mit uns zu tun haben, weil wir Gott nicht ernst nahmen.

Noch älter

Wenn ich noch etwas älter wäre, dann hätte ich mitbekommen, wie Evangelische und Katholische gegeneinander Krieg geführt haben. Jahrzehntelang.

Und wie beide zusammen im Verein mit der reformierten Kirche die Täufer äußerst brutal bekämpft haben.

Oder die vorreformatorische Kirche gegen die Waldenser.

Und während alle diese Kriege über Jahrhunderte gingen, war man in Israel wegen der Sache mit Gibea recht schnell fertig.

Denn während man im Mittelalter der Meinung war, das jahrzehntelange Morden und Jagen von Christen durch andere Christen sei rechtmäßig, waren die Gläubigen in Israel der (fast) einheitlichen Meinung, dass ein Verbrechen von Gläubigen an Gläubigen ein Unding sei.

Die Sachlage

Davon ging ja auch der Levit aus.

Er wollte extra nicht bei den Jebusitern übernachten, weil er davon ausging, dass er in einem israelitischen Dorf des Nachts sicherer sei.

Natürlich müssen wir in Betracht ziehen, dass es zur Zeit der Richter noch kein ausgeprägtes Nationalgefühl in Israel gab. Sagt der Text ja auch immer wieder: Es gab keinen König.

Aus Richter 12 wissen wir auch, dass einige Stämme einen anderen Dialekt sprachen als die anderen. So wie die Pfingstler anders über Gott reden als die evangelische Landeskirche.

Man war zwar gemeinsam aus Ägypten geflohen, aber das war mindestens 100 Jahre her. Eine lange Zeit in einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht sehr alt wurden. Es gab immer noch die gemeinsame Erzählung von der Herkunft aus Ägypten, und es gab auch noch den gemeinsamen Gott.

Aber ansonsten: Die Wege waren weit – wer kam jemals im Leben bis Asser oder Naftali? Und die Kanaaniter waren überall, die Philister auch nicht weit, der Lebensraum war begrenzt und das Leben gefährlich. Da hatte man andere Probleme als den Zusammenhalt der 12 Stämme.

Primitiv und immer das Gleiche

Und übrigens: Vergessen Sie die Geschichte mit den Schwulen. Auch wenn Ihnen ein ganz toller Pastor die Geschichte erzählt hat.

Diese Männer in Gibea waren genauso wenig schwul wie die in Sodom.

Nicht nur, weil es verwunderlich wäre, wenn 90% der Männer eines Dorfes schwul sind. (Der Text sagt nicht „ein paar Männer“.) Sondern auch, weil die sich hinterher über die Nebenfrau hermachen.

Es geht bei diesem Vorgang überhaupt nicht um Sex. Es geht um Vergewaltigung als extrem demütigendes Mittel der Machtausübung, wie man das aus Kriegen und Gefängnissen auch heute noch kennt.

Wir haben schlicht einen Fall von Fremdenfeindlichkeit.

Oder anders herum gesagt: Das absolute Gegenteil von Gastfreundschaft.

(Ganz nebenbei: Darum wird am Anfang des Kapitels das Verhalten des Schwiegervaters so ausführlich berichtet. Das war vielleicht ein bisschen viel Gastfreundschaft, aber offenbar war man in Bethlehem besser drauf als in Gibea.)

Die genauen Beweggründe der Männer von Gibea kennen wir nicht. Es könnte auch eine Rolle spielen, dass der Levit bei einem Fremden einkehrt. Aber das ist egal, denn es gibt keine Entschuldigung für so ein Verhalten.

Gottes Brutalität

Es mag Ihnen aufgefallen sein, dass im Kapitel 19 Gott überhaupt nicht vorkommt.

In den beiden folgenden Kapiteln aber schon.

Gott wird gefragt. Im Kapitel 20 allein dreimal.

Und Gott hat genauso eine eindeutige Meinung wie die Mehrheit der Israeliten. (Es mag schon sein, dass die Einheit der 11 anderen Stämme hier etwas übertrieben dargestellt wird. Aber das Ergebnis zeigt, dass die Tendenz des Autors des Richterbuches richtig ist.)

Am Ende gibt Gott die Benjaminiten in die Hände der anderen. Er liefert sie aus (Richter 20,28).

Das Gericht und seine Wirksamkeit hängen an Gott. Das ist hier keine Willkür der 11 anderen Stämme.

Einheit unter Gläubigen ist für Gott nicht erst seit dem Johannesevangelium wichtig. Das war schon immer so.

Die Aktualität

Das Volk Israel war als Licht Gottes in einer heidnischen Welt gedacht. Der Auftrag war zwar nicht so explizit formuliert wie er für die Christen formuliert ist, aber es gab den Auftrag (Jes 42,6; Jes 49,6; Jes 51,4). Wenn jedoch das Licht der Welt sich gegenseitig das Licht ausbläst, dann kann man natürlich den ganzen Auftrag vergessen.

Wenn die einen, die Gott aus Ägypten befreit hat, die anderen, die Gott ebenfalls aus Ägypten befreit hat – Sie sehen selbst, dass es so nicht geht.

Hier liegt auch der Grund, warum Paulus so aggressiv gegen jeden Streit in der Gemeinde redet und es völlig daneben findet, wenn Christen gegeneinander vor Gericht ziehen. Wenn diejenigen, die eigentlich den Teufel bekämpfen sollten, statt dessen den Teufel zwischen sich lassen, damit er dort ungestört sein Wesen treiben kann, dann ist letztlich sogar die Auferstehung Jesu umsonst gewesen.

Und wenn die einen, die den Teufel bekämpfen, daran von den anderen gehindert werden, welche aber eigentlich auch den Teufel bekämpfen sollten – und dabei reden wir nicht nur von evangelisch gegen katholisch, von Pfingstler gegen Brüdergemeinde, von Liebenzeller Mission gegen ICF.

Das Ganze gilt auch innerhalb einer Ortsgemeinde. Auch da gibt es Leute, die in unterschiedlichen Dialekten von Gott reden. Aber das Wichtigste ist halt, dass dem Teufel Einheit geboten wird oder, andersrum ausgedrückt, dass das Reich Gottes gebaut wird. Dazu muss keine theologische Einheitsmeinung bestehen. Da kann man die anderen, die es (selbstverständlich) falsch machen, auch mal machen lassen.

… schon allein deshalb, weil wahrscheinlich niemand die Sache mit Gott so richtig richtig macht. Gott ist zu groß, zu verborgen und zu geheimnisvoll, als dass irgendwer seinen Willen zu 100% abbilden könnte.

Zusammenfassung

Diese Geschichte im Richterbuch beschreibt, wie ernst Gott die Grabenkämpfe unter den Christen nimmt. Sie veranschaulicht in einer grausamen Erzählung das, was Paulus in zahlreichen Ermahnungen in seinen Briefen geschrieben hat und was Johannes in Fettdruck in sein Evangelium geschrieben hat.

Ja, manchmal kann man das Thema „Einheit“ nicht mehr hören.

Aber Gott kann die ständige Streiterei nicht mehr hören.